Schweiz: Still und spritzig

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In der Schweiz hat man die Qual der Wahl: dicht bevölkerte Seen und kristallklare, strömungsreiche Flüsse mit atemberaubenden Felslandschaften. Unser Autor hat beides ausprobiert.

Tauchen in der Schweiz

Schweiz: Still und spritzig

Die erste Station der Schweiz-Reise ist der Neuenburgersee, 218 Quadratkilometer groß und 152 Meter tief. Unser Tauchplatz heißt Boudry Plage. Der flache Teil, bis zu acht Meter tief, ist der interessanteste. Ein zusätzlicher Vorteil: Das Wasser hat in dieser Tiefe 20 Grad, so dass es in einem dicken Neoprenanzug gut auszuhalten ist. Wir steigen über einen allmählich abfallenden Uferstreifen ins Wasser und erkunden zunächst den Zwölf-Meter-Bereich.

Hier gibt es wenig Leben, und wir beschließen, in den flachen Teil zurückzukehren. Dort angekommen, finden wir uns bald in einem lebendigen Ökosystem voller tausender kleiner Barsche wieder, die in einem Dschungel von Pflanzen Schutz suchen. Auf dem Grund krabbeln einige invasive Krebse, und in der Ferne sehe ich einen riesigen Hecht vorbeiziehen. Die Sicht ist mit etwa zehn Metern nicht schlecht. 

Vom See zum Fluss

Flusstauchen spielt sich in der Schweiz hauptsächlich im Kanton Tessin an der Grenze zu Italien ab. Hier befinden sich die Verzasca und die Maggia, zwei von Quellen und Schmelzwasser gespeiste Flüsse. Operationsbasis für die folgenden Tage ist Locarno, ein mediterran wirkendes Städtchen am Lago Maggiore. Am nächsten Tag werde ich von Marco Lüthi, meinem lokalen Tauchguide, abgeholt. Heute haben wir zwei Tauchgänge in der Verzasca auf dem Programm. Wir fahren durch das beeindruckende Verzasca-Tal nach Lavertezzo, dem berühmtesten Ort am Fluss.

Unterwegs passieren wir malerische Dörfer mit Häusern, die ganz aus Naturstein gebaut sind. Beim Briefing am Tauchplatz wird mir klar, warum man diese Art des Tauchens besser nicht auf eigene Faust machen sollte. An einigen Stellen im Fluss gibt es eine starke Strömung. Man muss genau wissen, wo diese ist und wo man im Windschatten tauchen kann. Wir sind gewarnt: Jedes Jahr sterben ein paar Taucher und Schwimmer im Fluss. Heute fließt der Fluss aber »nur« mit einer Geschwindigkeit von sieben Kubikmetern pro Sekunde. Die maximale Strömung, in der man relativ sicher tauchen kann, liegt bei neun Kubikmetern. Also grünes Licht für uns. 

Der erste Tauchgang findet an der Ponte dei Salti statt – einer fotogenen Brücke über die Verzasca, die etwa 400 Jahre alt ist. Der tauchbare Bereich ist ziemlich klein, etwa 150 mal 15 Meter. Auf beiden Seiten fließt das Wasser wild durch enge, flache Rinnen, in denen man als Taucher nicht landen möchte. Wir steigen an einer geschützten Stelle ins Wasser und tauchen bis zu einer maximalen Tiefe von acht Metern ab, wo der Boden aus Flussblöcken besteht.

Die Sichtweite beträgt etwa 30 Meter. In aller Ruhe schwimmen wir gegen die leichte Strömung in Richtung Brücke, wo der Fluss ein wenig schmaler wird. Hier und da sehe ich ein paar kleine Fische. Aber die beeindruckenden Felsen stehlen ihnen die Show. Am Ende des Einschnitts wird der Fluss deutlich schmaler und flacher, wodurch die Strömung zunimmt. Irgendwann ist sie so stark, dass es nicht mehr weitergeht. Also lassen wir uns zurücktreiben.

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Durch enge Schluchten

Durch enge Schluchten

Die Tauchplätze in der Verzasca liegen dicht beieinander. Wir wechseln die Flaschen und fahren binnen weniger Minuten zum nächsten Tauchplatz. Wo an der Brücke noch ein ziemlicher Andrang von Touristen und Sonnenanbetern herrschte, ist hier an diesem bewaldeten Fleckchen tief im Tal kein Mensch zu sehen. Die Felsen sind steil. Marco befestigt ein Seil an einem großen Felsblock, mit dem wir ins und aus dem Wasser klettern.

Im Wasser merke ich dann sofort, dass dies keine so geschützte Stelle ist wie die vorherige. Die Strömung ist abrupt spürbar. Dieser Spot hat ungefähr die gleiche Größe wie der vorige, und auch hier ist die Sicht perfekt. Allerdings reichen die steilen Klippen noch dramatischer in die Tiefe. Wieder beginnen wir unseren Tauchgang gegen die Strömung, schwimmen durch enge Schluchten, flankiert von riesigen Felsen, und staunen über die imposante Topografie. Wir flosseln weiter, bis der Fluss zu eng und die Strömung zu stark wird. Danach lassen wir uns mit der Strömung zum Ausgang treiben.

Zu Felsblöcken und Forellen

Tags darauf ist ein Tauchgang in der Maggia geplant. Dieser Fluss ist etwas breiter als die Verzasca, was mäßigend auf de Strömung wirkt. Außerdem wird das Wasser länger von der Sonne aufgewärmt und ist daher drei Grad wärmer. Der Einstieg befindet sich am Pozzo di Tegna, einem sandigen Flussufer und beliebten Ort für Sonnenanbeter. Die Sicht ist etwas weniger gut als am Vortag, beträgt aber immer noch etwa 20 Meter. Wir müssen erst ein Stück schwimmen und über einen Felsen klettern, bevor wir in den tauchbaren Teil kommen.

Während wir unter einem Wasserfall tauchen, bemerke ich, dass es fast keine Strömung gibt. Dafür eine Menge Leben, hauptsächlich Forellen und Erdkröten. Wir schwimmen durch eine enge Schlucht, mit elf Metern der tiefste Punkt des Tauchgangs. Danach landen wir in einem Labyrinth aus riesigen, aufeinander gestapelten Felsblöcken, die ein Gewirr von Gängen und kleinen Höhlen bilden. Manchmal kann man unter ihnen hindurch tauchen, manchmal muss man um sie herum oder über sie hinweg flosseln. Als es nicht mehr weitergeht, tauchen wir die gleiche Route wieder zurück. Und doch ist der Rückweg ein neues Erlebnis. Denn beim Flusstauchen eröffnen sich ständig ungeahnte Perspektiven.

Tauchbasen

Neuenburgersee: Tauchsport Käser, www.tsk.ch

Verzasca und Maggia: Subticino, www.subticino.ch

Allgemeine Tourismusinfos: www.myswitzerland.com

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T & F  Ruud Stelten